Werkstatt-Interview - Jochen Wieland Kollodiumfotografie

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Werkstatt-Interview

. . . mit Jochen Wieland über die Herstellung einer Kollodiumfotografie

Tom: Sag mal, Jochen, stimmt das, daß Du vier Wochen vor einem Fototermin mit den Vorbereitungen beginnst?
Jochen: Ja, etwa vier Wochen zuvor rühre ich Kaliumiodid und Kaliumbromid mit Rohkollodium an.
Das muß sehr fein reifen.
Tom: Und die Alu-Platte?
Jochen: Die kaufe ich vorgefertigt, d.h. sie ist dann schon mit schwarzem Schellack beschichtet.
Tom: Und dann?
Jochen: Dann kommt der Fototermin. Das Modell - sofern lebendig - begibt sich in Positur bzw. wird - sofern weniger lebendig - in Position gebracht. Das Objektiv wird scharf gestellt. Und wenn alles perfekt ist, also in dem Moment, in welchem man heute das Foto macht, verschwinde ich plötzlich in der Dunkelkammer. Dort geschieht - mit etwas Herzklopfen - die Umwandlung zum sogenannten "photografischen Kollodium". Die Aluplatte wird mit den im Rohkollodium aufgelösten Salzen übergossen. Rohkollodium ist ja in Alkohol und Ether aufgelöste Cellulosewolle. Der Ausdruck Kollodium kommt vom altgriechischen "kollodes", was soviel bedeutet wie "zähflüssig", "leimartig". Danach kommt die beschichtete Platte ins Silbernitratbad und wird dadurch lichtempfindlich.
Wichtig ist, dass alles gleichmäßig verfließt.
Tom: Wie lange dauert dieser Vorgang?
Jochen: Drei Minuten, und zwar unter Rotlicht, damit Belichtung verhindert wird. Und anschließend kommt die Nassplatte in eine lichtdichte Kassette.
Tom: Dein Modell schnarcht inzwischen?
Jochen (lacht): Naja, hoffentlich nicht. Es soll ja kein Film werden. Außerdem kündige ich alles
vorher genau an. Während ich in der Dunkelkammer mein Unwesen treibe, haben die Modelle natürlich Pause.
Tom: Ich durfte den Fotomoment ja zweimal hautnah miterleben. Der Blitz tat fast weh - als hätte das extreme Licht eine physische Druckwelle.
Jochen: Ja, und die hat es auch! Ich wandere also zurück zur Kamera und stelle ein letztes Mal scharf. Die verschlossene Kassette mit der Nassplatte kommt nun anstelle der Mattscheibe in die Rückwand meiner Kamera. Dann hebe ich die Verschlussplatte heraus, sodass die Nassplatte Lichtkontakt bekommt, zähle von drei bis null und starte den Blitz: Peng!
Tom: Ein Moment, der dich sehr eng mit deinem Modell verbindet.
Jochen: Ja, so eina Art "Black-in" statt "out", weil es ja so extrem hell wird, dass man es eigentlich gar nicht aushalten kann. Aber ich warne vor, und es geht ja auch rasant schnell vorbei...
Tom: Die Modelle haben dann frei?
Jochen: Ja, haben sie. Und für mich beginnen die schönsten Momente der ganzen Prozedur.
Ich verschwinde - wieder mit Herzklopfen - in meiner dunklen Kammer und öffne die Kassette.
Tom: Der Entwickler wartet bereits gut vorbereitet?
Jochen: Ja klar: Eisensulfat, sechzigprozentige Essigsäure und Spiritus. Diese Kombination löst den Entwicklungsprozess aus. Wie bei einem Polaroid-Sofortbild kannst Du sofort sehen, wie es entsteht.
Tom: Und wie stoppst du den Vorgang?
Jochen: Ganz einfach: mit Wasser. Danach fixiere ich mit Natriumthiosulfat und konserviere so den schönsten Entwicklungsmoment zu einem Bild, das über viele Jahrzehnte haltbar ist.
Tom: Das war's?
Jochen: Chemisch gesehen ja, aber ich habe da noch etwas erfunden (grinst): Die ganze Sache riecht nämlich nicht gut. Also gebe ich einen Hauch Lavendelöl dazu.
Tom: Wie jetzt - echt? Du parfümierst Deine Bilder?
Jochen: Ja klar, ich mag einfach nicht, wenn's stinkt. Und ein echter Wieland riecht eben fein nach Lavendelöl ...
Tom: Genial! Danke Dir für das Gespräch.

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü